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Zurück nicht wende den Blick von Christoph Jilo

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Zurück nicht wende den Blick
von Christoph Jilo

Unter anderem mit elektronischer Live-Musik von Kai Niggemann…

Installation
Eine Installation auf dem Gießener Kirchenplatz aus Tanz, Video und Klang: Ein Tänzer und eine Tänzerin verbringen 72 Stunden in zwei Plexiglaskuben, die mit zwei weiteren gegenüberliegenden Projektionsflächen ein Quadrat bilden. Diese Einheit ist umgeben von Klang, der aus Kanalschächten aus dem Untergrund an die Oberfläche steigt.

Christoph Jilo inszeniert mit seinem dreitägigen Triptychon den Mythos von Orpheus und Eurydike. Die ersten beiden Tage der Installation stehen für die Seitentafeln des Triptychons, das hier zeitlich aufgefasst wird. Sie stellen die Phantasieräume Unter- und Oberwelt im Spiel mit Tag und Nacht gegenüber. Der abschließende „Mittelteil“ spürt dem tragischen Blick nach, der anstatt Eurydikes Erlösung ihren erneuten Tod bringt.

An den ersten beiden Tagen bewohnen die ausgestellten Personen ihre Plexiglaskuben. Sie sind ausgestellt als zwei voneinander getrennte Körper. Die beiden Seitentafel-Tage behandeln die Oberwelt und die Unterwelt. Es geht um Vorstellungen, Phantasien, Geist. Die Körper sind daran unbeteiligt und manifestieren in diesem Kontext ihre Trennung voneinander.
Der dritte Mittelteil-Tag schließlich folgt einem anderen Prinzip und wendet sich dem Kern zu: dem Kampf des Liebespaares um seine Rettung. Die Videobilder thematisieren den Blick: Zahlreiche Augenpaare schauen den Besucher an, blinzeln, schließen die Augen, wenden sich ab, wenden sich um. Der Blick der Zuschauer wird selbst zum Thema.

Jetzt erwachen die Körper der Tänzer und sie nehmen angesichts der unmittelbar bevorstehenden Vereinigung Bezug aufeinander. Es ist eine Begierde, die nicht erfüllt wird. In ihrer Bewegung aufeinander zu wird die räumliche Trennung umso deutlicher. Ihr Tanz ist erfüllt von Hoffen und Furcht, Liebe und Verzweiflung. Eine Liebe, die versucht, sich den áœbermächten des Lebens entgegenzustellen – was für eine Romanze!

Während die ersten beiden Tage von einer untergründigen, eher unbewegten Spannung getragen werden, die vor allem in der Faszination der ausgestellten Körper besteht, bringt der dritte Tag eine unerwartete Dynamik und Körperlichkeit ins Spiel.

Dazu treten Videobilder. Am ersten Tag ist ihr Thema die Oberwelt: Naturbilder, Hochzeitsimpressionen werden konterkariert vom Bild der Schlange – auch ein biblisches Motiv -, die sich anschickt, die Wunschwelt zu zerstören. Der zweite Seitentafel-Tag beleuchtet die Unterwelt.
Die Projektionen treten dabei in eine Wechselwirkung mit Klangzuspielungen aus Kanalschächten, entsprechend den Lichtverhältnissen von Tag und Nacht. Denn während sie tagsüber vom Sonnenlicht überstrahlt werden, bringt erst die Dunkelheit die Bilder hervor und lässt den Ton verstummen – er ist jetzt über Kopfhörer direkt in der Installation zu hören, die auch die Darsteller tragen. Umgekehrt lässt das aufkommende Sonnenlicht die Bilder wieder verschwinden und die Gullys singen. Das Theater ist der öffentliche Raum. Seine Lichtverhältnisse werden so Bestandteil der Inszenierung.

Das zentrale formale Element des Projektes ist, einen Raum, der normalerweise durch Alltag definiert ist, künstlerisch umzudeuten. Durch die in den Plexiglaskuben nahezu ausgestellten Darsteller wird die Funktion der Innenstadtfläche umgekehrt: Die Individuen werden in ihrem Alleinsein sichtbar und öffentlich, der öffentliche Raum wird zum Ort für innere Abgeschiedenheit. Zusätzlich wird die sonst verborgene Kanalisation zum Klangraum umgestaltet und die Vorstellung von “unten” sinnlich erfahrbar.
Der besondere Reiz der Gießener Aufführungsstätte liegt darin, dass der Kirchenplatz auf dem Grundriss der im Krieg zerstörten Stadtkirche situiert ist, von der nur noch der Turm steht. Das zeitliche Triptychon als Ausdruck für eine quasireligiöse Liebe, die die Möglichkeiten des gewohnt Erfahrbaren übersteigt, steht somit auch räumlich in seinem ursprünglichen, jedoch zerstörten Kontext
Ziel der Aufführung ist es, die Wahrnehmung des Gewohnten zu irritieren, die Erfahrung von Realität dadurch als fragil zu erleben und in diesem flüchtigen wie überraschenden Moment eine Auseinandersetzung mit anthropologischen Grundlagen anzustoßen: Liebe, Tod, Verlassensein, Trauer, Begehren, Trennung.

Besetzung
Konzept, Klang, künstler. Leitung: Christoph Jilo
Choreographie: Tarek Assam
Film & Videoinstallation: Stéphane Bittoun
Produktionsleitung: Manuela Weichenrieder
Musik: Kai NIggemann (u.a.)

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