Westfälische Nachrichten Kritik zu “Kisten ohne Aufschrift”

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Hysterie – extreme Spannung weiß nicht wohin

Münster. Sie bleibt ein Rätsel. Und darf es bleiben. Die Hysterie. Auch Manfred Kerklau trägt in der neusten Produktion seines Theaters „Make“ nichts Definitives dazu bei. Zum Glück. Denn auf diese Weise verbreitet sein Poem „Kisten ohne Aufschrift“ jenes „hysterische Zirpen“, das die Atmosphäre der Inszenierung treffend beschreibt. Eines allerdings ist am Ende der lyrisch dichten Stunde klar: Mit dem Begriff Krankheit ist der Hysterie nicht beizukommen.

Insofern will dieses Körper-Geist-Drama wohl auch eine jahrtausendealte Männer-Schublade zertrümmern, Freuds Couch wird umgeworfen. Denn das Hysterische bildet in Texten und Tänzen keine Deformation ab, sondern verkörpert eine extreme Spannung, die nicht weiß wohin, die eine Form finden möchte und nicht kann.

Die Inszenierung findet für das Problem und die Schönheit von Widerspruch und Identität passende Bilder. Allen voran die beiden Protagonisten, die Großartiges leisten. Tänzerin Tamami Maemura gestaltet Euphorie und Suizid in kurzer Taktfolge, ohne dabei der Versuchung des Klischees zu erliegen. Sie findet eine erstaunliche Vielfalt hysterischer Mimiken, Gesten und Bewegungen. Die gleiche Bandbreite und Differenz verkörpert auch Gabriele Brüning in ihrem Schauspiel, sie macht sich die Texte zu eigen ob von Schnitzler oder Pessoa. Sorgsam gesprochene Sätze wie „Ganz armselig sind wir organisiert, so ohne Flügel“ oder „Ich lebe ein Leben, wo ich gar nicht dabei bin“ legen das Phänomen Hysterie dicht an jede „normale“ sensible Seele.

Die Inszenierung illustriert dezent einheitsstiftende und auseinanderstrebende Persönlichkeitskräfte, wodurch das Geschehen an Komplexität gewinnt. Beide Darsteller sind in ein bronzefarbenes Kleid gehüllt. Die barfüßige Tänzerin trägt luftige Spitze, die Schauspielerin ein damenhaftes Outfit. Die Bühne von Hans Salomon präsentiert sich als schlichte Kammer, das Licht von Volker Sippel setzt Spots wie Bewusstsein.

Das atmosphärische Grundgerüst liefert Kai Niggemann, der seine Musik geschmackvoll wie Pulsschlag und Nervenreiz weich pulsieren und hart treiben lässt. Da jault der Plattenteller auch schon mal wie beim Eiertanz oder die Tonspur klingt wie im Rückwärtsgang.

Manfred Kerklau zeigt im Pumpenhaus eine kluge Inszenierung über das Hysterische, die dem Spektakel der Exzentrik das Geifernde nimmt.

VON GERHARD H. KOCK, MáœNSTER
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