Münstersche Zeitung Kritik zu “Kisten ohne Aufschrift”

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Flügelbruch der Fantasie

Tanz: “Kisten ohne Aufschrift” thematisiert die Krankheit “Hysterie”
Münster. “Lebte ich 300 Jahre früher, ich würde denken, ich wäre besessen.” Das sagt sie zweimal, einmal am Anfang, einmal gegen Ende des Stücks.
Dazwischen beschreibt sie ihre Zustände, die mit Angst, áœberdruss, ungezügeltem sexuellen Verlangen und drohendem Identitätsverlust zu tun haben.
Als unbedarfter Beobachter würde man, was Gabriele Brüning hier in Münsters Theater im Pumpenhaus aufführt, als überspannt bezeichnen. Die Medizin hat dafür einen – durchaus umstrittenen – Fachausdruck: Hysterie.

Es ist ein Niemandsland der Befindlichkeit, in das Regisseur Manfred Kerklau mit seinem Tanztheater “Kisten ohne Aufschrift” des Theaterlabels “MA-KE” vordringt. Ein Land, in dem es keine Gewissheiten mehr gibt und in dem der Mensch unvermittelt von einem Zustand in den anderen fällt. Inspiriert von Jean Martin Charcots (1875-1878) Bilderserie von Hysterie-Patientinnen der Pariser Salpetriá¨re, ist eine Collage aus Schauspiel, Tanz und Musik entstanden, die in ihrer Fremdartigkeit ebenso schön wie beklemmend wirkt.

Texte von Arthur Schnitzler, Emily Dickinson, Anais Nin, Sigmund Freud und anderen bilden die Grundlage für die zahlreichen Frauentypen, die Brüning mit ihrem Ausdrucksstarken Spiel auf die Bühne bringt. Korrespondierend dazu setzt die japanische Tänzerin Tamami Maemura das gesprochene Wort in Bewegung um. “Fliegen will ich”, seufzt die eine. Schon verwandelt sich die andere in ein aufgeregtes Flatterwesen, das sich voll Euphorie in die Lüfte zu schwingen versucht. Doch die Wirklichkeit bricht der Fantasie die Flügel. Wie ein gefällter Baum, kippt die Tänzerin auf die Bühne.

Das Faszinierende an der Inszenierung ist die Unmittelbarkeit, mit der die beiden Frauen aufeinander reagieren. Text und Tanz sind sensibel aufeinander abgestimmt und werden so zu verschiedenen Manifestationen desselben psychischen Konflikts. Zusätzliche Einheit schafft Kai Niggemann mit seinem aus elektronischem Flirren und Zirpen erzeugten Klangraum. Umso einleuchtender die Unterzeile des Stücks: “Ein Hysterisches Zirpen”.

Helmut Jasny

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