Kriegerfleisch von Rebekka Kricheldorf

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von Rebekka Kricheldorf
Städt. Bühnen Münster und Kleist Forum Frankfurt/Oder

Das Stück:

Unsterblichkeit und ewige Jugend sind die Ziele des renommierten Altersforschers Hels. Mit seinem Team, der jungen attraktiven Assistentin Mina und dem Kollegen Hark, verbraucht er 93 % des nationalen Forschungsetats – die Erwartungen der Gesellschaft sind entsprechend groß.

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Fotos: Volker Beinhorn


Unbeeindruckt von den täglichen Katastrophenmeldungen der Nachrichtensprecherin arbeiten sie rastlos und mit vollem Einsatz in den Forschungslabors ihres Instituts – kleine Zusammenbrüche verstehen sich von selbst. Jeder will den anderen übertrumpfen. Es herrscht Darwinismus pur. „Große Werke erfordern permanente áœberschreitung der gezogenen Grenzen“, und so experimentiert man nicht nur mit exotischen Tieren, sondern stellt sich selbst als Testperson zur Verfügung. Mina – ein Prototyp der perfekten medizinischen technischen Assistentin?

Das Privatleben scheint ebenfalls karrierebestimmt zu sein. Hark lebt zwar mit der Studentin Fizzi in einer Wohngemeinschaft, aber auch hier ist das Leben vom Glauben an die moderne Wissenschaft geprägt. Für Fizzi ist der Mitbewohner Hark der Forschungsgegenstand ihrer Magisterarbeit. Akribisch wird sein Verhalten beobachtet, registriert und katalogisiert.

Auch seine unerfüllte Liebe zu Mina ist von größtem Interesse. Doch eines Tages steht Isidor – ein Wahnsinniger, ein Religiöser, ein Forscherkollege? – vor der Wohnungstür und bittet um Einlass. Merkwürdige Vorfälle ereignen sich. Irgendetwas stimmt nicht mehr mit Hark. Seine Zusammenbrüche werden häufiger. Sein Blutbild verändert sich. Es ist, als würde er sich auflösen …

Auf leichte und humorvolle Weise spielt Rebekka Kricheldorf mit den Motiven und Mythen von ewiger Jugend und Schönheit unserer modernen Gesellschaft.

Regie: Thomas Bockelmann
Bühne: Jürgen Lancier
Kostüme: Ursina Zürcher
Dramaturgie: Horst Busch
Musik: Kai Niggemann

Darsteller:

Hels: Josef Wolf
Hark: Frank Watzke
Mina: Therese Dörr
Fizzi: Christina Weiser
Isidor: Jürgen Wink
Nachrichtensprecherin/Rennie: Regine Andraczke

Die Aufgabe:

Kriegerfleisch enthält einen Soundtrack aus einer Vielzahl von szenisch eingesetzten Musikstücken. Der zynische Vampir Isidor spricht seine Kommentare aus dem Abseits über die Variationen des Hauptthemas, tanzt mit dem jungen Vampir Hark einen Walzer,
Szenenwechsel mit Zeitsprüngen bekamen ebenso einen unterstützenden Soundtrack wie der Höhepunkt des Stücks,als der vermeintliche Vampir Fizzi von Mina getötet wird.

Mit Synthesizer, Samples, Gitarre und natürlich der Theremin kreierte ich den Soundtrack für dieses Trash-artige Stück über den Fluch des ewigen Lebens.

Die Autorin:

Rebekka Kricheldorf, 1974 in Freiburg i. Br. geboren, studierte an der Hochschule der Künste in Berlin „Szenisches Schreiben“. Gleich mit ihrem ersten Stück „Prinzessin Nicoletta“ (UA Stadttheater Gießen) erweckte sie große Aufmerksamkeit. Für ihr zweites Stück „Kriegerfleisch“ erhielt sie im Sommer den Kleist-Förderpreis 2003 für junge Dramatiker. (text: Städtische Bühnen Münster)

Kritik aus der Zeitschrift “Die Deutsche Bühne”:

Menschen wollt ihr ewig leben?
Rebekka Kricheldorfs “Kriegerfleisch” als Uraufführung in Münster

von Stefan Keim

Mina ist blond, groß, langbeinig und Hals über Lockenkopf in den Professor verliebt. Eine derart perfekte Laborassistentin bekommt man nur im Film oder durch medizinische Manipulation. Der Altersforscher Hels schreckt vor Experimenten an lebenden Menschen nicht zurück – auch wenn er damit den homo sapiens zur Mina macht. Die junge Frau spricht und denkt im Tarzan-Deutsch, nennt sich selbst in der dritten Person, ist nur zu einfachen Sätzen fähig. Die 29jährige Dramatikerin Rebekka Kricheldorf, Trägerin des Kleist-Förderpreises 2003, hat für ihr Stück Kriegerfleisch tief in die Klischeekiste gegriffen. Nicht nur die Sexydoofblondine hat sie gefunden, auch den wahnsinnigen Wissenschaftler – und nicht zuletzt den Vampir. Sie verbindet die Zitatensuppe aus der Welt des Trash mit überraschenden Wortkunst-Momenten und einem großen Thema.

Professor Hels forscht nach der ewigen Jugend, im Auftrag der Regierung, die seinem Labor 93 Prozent ihres gesamten Forschungsetats zur Verfügung stellt. Warum sie das tut, bleibt unergründlich. Denn es kann kaum im Interesse eines Staates liegen, die Bevölkerung ins Unermessliche wachsen und die Rentner nicht sterben zu lassen. Hels, der ständig zentrale Daten der Medizingeschichte im Munde führt und selbst am Tag der ersten Herzverpflanzung geboren wurde, gerät unter Druck. Unterdessen kommen aus dem Fernseher immer neue, lächelnd vorgetragene Katastrophenmeldungen. Die Welt scheint ein einziges Chaos zu sein. Ruhe und Gelassenheit verströmt nur ein älterer Herr mit langen, grauen Haaren und abgewetztem Gehrock aus schwarzem Samt. Isidor ist ein Vampir, und Jürgen Wink spielt ihn mit mikrofonverstärkter tiefer Stimme als müden Zyniker, der seit der Inquisition alles gesehen hat und sich in einer Mischung aus Ekel und Einsamkeit durch die Welt schleppt. Menschen beißt er nur sehr ungern, er findet schon den Geruch seiner Opfer widerlich. Er bevorzugt “Fertignahrung”: die sauber abgepackten Blutpäckchen aus dem Labor. Ihm legt Rebekka Kricheldorf die schönsten Sätze in den Mund, plötzliche poetische Einschübe, deren Wortwahl andere Erfahrungshorizonte andeutet als das gegenwärtige Gewimmel.

Isidor hat sich einen neuen Gefährten ausgesucht, den zweiten Assistenten aus dem Labor von Professor Hels. Dieser Junge namens Hark ist ein Totalverlierer, den Frank Watzke als farcenhaften Jammerlappen spielt. Hark bettelt um die Aufmerksamkeit Minas und wird in seiner WG mit einer gealterten Psychologiestudentin (Christina Weiser) ebenfalls zu Forschungszwecken missbraucht. Seine Gefühle sind bloß Studienmaterial. Als Vampir wird er selbstbewusster, schließlich sitzt er neben seinem Schöpfer Isidor auf dem Boden und betrachtet die vorüber fliegende Zeit. Am Schluss bekommt das Stück eine schöne absurde Beiläufigkeit.

Zuvor hat Rebekka Kricheldorf oft den Faden verloren. Die Satire über die Jagd nach der Jugend rutscht in eine pure Vampirkomödie, deren Gags aus Kinofilmen bekannt sind. Die Namen Hark, Mina und Hels spielen auf zentrale Figuren aus Bram Stokers Dracula an, wobei der Vampirjäger van Helsing die interessanteste Figur ist. Er geht eine Symbiose mit den “mad scientists” des Horror- und Science-Fiction-Films ein und will keinesfalls den Vampir vernichten. Sein Ziel ist, durch einen Biss selbst unsterblich zu werden. Er weiß nicht, dass ewiges Leben unaufhörliche Langeweile bedeutet. Der Menschheitstraum ein Missverständnis.

Josef Wolf zeigt diese abgründige Seite des Professor Hels allerdings kaum. Münsters Generalintendant Thomas Bockelmann hat “Kriegerfleisch” auf der Kippe zwischen Farce und Philosophie inszeniert. Dadurch wird zwar die doppelte Natur des Stückes deutlich, aber auch seine Schwäche. Denn für eine wirksame Komödie hat es zu wenig Direktheit und Tempo, und für eine ernsthafte Auseinandersetzung bleibt es zu banal. Rebekka Kricheldorf spielt souverän mit Genreversatzstücken, doch dabei bleibt es meistens auch. Mit einer anarchischeren Fantasie, schwarzem Humor und chargierfreudigen Darstellern ließe sich allerdings aus dem Text eine boshafte Satire destillieren.

Rebekka Kricheldorf: “Kriegerfleisch” (Uraufführung)
Premiere: 24.1.2004, Städtische Bühnen Münster
Inszenierung: Thomas Bockelmann
Bühne: Jürgen Lancier
Kostüme: Ursina Zürcher
Musik: Kai Niggemann
Dramaturgie: Horst Busch
Hark: Frank Watzke
Hels: Josef Wolf
Mina: Therese Dörr
Fizzi: Christina Weiser
Isidor: Jürgen Wink
Nachrichtensprecherin, Rennie: Regine Andratschke

[tags]Städtische Bühnen Münster, Vampire, Trash, Horror, Schauspiel, Uraufführung, 2004[/tags]

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