Bungee Jumping von Jaan Tätte

Pizzaman

Bungee Jumping oder die Geschichte vom Goldenen Fisch
von Jaan Tätte, aus dem Estnischen von Irja Grönholm.

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Das Stück
Ein unmoralisches Angebot eröffnet der vereinsamt in einer Waldhütte lebende Osvald dem jungen Paar, Laura und Roland:

Wenn Laura für immer bei ihm bliebe und Roland verschwände, würden ihnen vier Milliarden Dollar winken. Denn Laura gleiche ganz der badenden Schönen aus einer Illustrierten, von der Osvald schon seit langem träumt und die nun endlich sein eigen werden soll. Das Paar, kurz vor der Hochzeit stehend, wird auf eine harte Probe gestellt. Geld oder Liebe? Sie vermögen den Verlockungen des Reichtums nicht zu widerstehen. Sind erst einmal alle Skrupel aus dem Weg geräumt, so zeigt sich die Gier umso ungenierter: Als das Geld sich als Diebesgut herausstellt, kämpfen sie mit allen Mitteln, um es zu behalten.
Eine Komödie und zugleich eine Variation zum Märchen vom goldenen Fisch ist dieses zeitgenössische Stück aus Estland, mit dem wir im Rahmen der Bewerbung Kassels zur Kulturhauptstadt Europas 2010 unsere Reihe „Theater aus den EU-Beitrittsländern“ eröffnen werden.

Besetzung
Axel Holst (Osvald),
Hanna Jürgens (Laura),
Markus Frank (Roland),
Herwig Lucas (Mann)

INSZENIERUNG: Andre Sebastian
AUSSTATTUNG: Svea Kossack
MUSIK: Kai Niggemann
DRAMATURGIE: Dorothee Hannappel
REGIEASSISTENZ: Charlotte Frieben
Staatstheater Kassel, Tif (Theater im Fridericianum)

PresseBungee Jumping erhält in der regionalen und deutschlandweiten Presse durchweg gute Kritiken:
Von den großen Träumen und Wundern

Von Dirk Schwarze

KASSEL. Großer Abend auf kleiner Bühne. Mit begeistertem Beifall dankte das Publikum für eine gelungene Ensembleleistung. Das war Vollbluttheater. Dass nicht viel schief gehen konnte, wusste man. Das Erfolgsstück “Bungee Jumping” des Esten Jaan Tätte (41) hat sich auf zahlreichen Bühnen bewährt und die Zuschauer ins Wechselbad von Heiterkeit und Erschrecken über menschliche Verführbarkeit hineingezogen. Im Kasseler tif gelang es André Sebastian (Regie) und Svea Kossack (Ausstattung), das Stück mit Blick aufs Publikum noch zu intensivieren.

Sie verpflanzten die Bühne in die Mitte und errichteten dort ein Waldhaus mit Baumdekor und großen Fenstern. Auf diese Weise waren die Sitzreihen auf beiden Seiten so nahe an das Spielgeschehen herangerückt, dass die Zuschauer beim Blick aus dem Dunkel durch die Fenster zu Voyeuren wurden. Spätestens der Blick auf die gegenüber- sitzenden Zuschauer offenbarte diese Verwandlung.

Laura (Hanna Jürgens) hat eine Schwäche für Bungee Jumping. Daher rührt der Titel des Stückes. Doch die ganze Geschichte ist ein einziges Bungee Jumping. Ständig geht es mit Hochgeschwindigkeit rauf und runter. Eben noch war Osvald (Axel Holst) ein bedrohlicher Verrückter, kurz darauf betört er als poetischer Träumer. Und Laura und Roland (Markus Frank), die in Osvalds primitiver Hütte Zuflucht suchen, verwandeln sich in Minutenschnelle vom unzertrennlichen Liebespaar in berechnende Naturen, die bereit sind, ihre Liebe zu verraten, um an die unerwarteten Dollarschätze in Osvalds Versteck zu kommen.

Jaan Tätte zieht die Zuschauer in eine Märchenhandlung hinein, in der es so viele Falltüren gibt, dass man am Ende nicht mehr weiß, was gesponnen und was wahr ist. Der vermeintliche Barbar Osvald entpuppt sich als ein Träumer und Romantiker, der noch an Wunder und die Liebe glaubt. áœber weite Strecken ist er der Regisseur, der mit seinen Verlockungen und Drohungen Laura und Roland wie Marionetten tanzen lässt.

Holst kostet diese Rolle aus, er brüllt seine Wut aus dem Leib und erscheint verwirrt, um gleich danach sich von seinem eigenen Märchen- und Wunderglauben mitreißen zu lassen. Damit wird Holst zum Motor eines Spiels, in das die beiden anderen Figuren so stark hineingezogen werden, dass Hanna Jürgens und Markus Frank zu gleichwertigen Partnern werden.

Osvald hat so große Träume, dass die Nächte zu kurz für sie sind. Also dehnt er sie auf die Tage aus und ist bereit, sie für wahr zu nehmen. Jaan Tätte und die Kasseler Inszenierung lassen im Ungewissen, ob nun die große Versuchung mit ihren absurden Abgründen ein Albtraum war und entsprechend der friedlich-versöhnliche Schluss die Wirklichkeit, oder ob das böse Märchen wahr und das gute Ende nur erträumt war.

Herwig Lucas fiel in einem kurzen Auftritt die Aufgabe zu, als rätselhafter Mafioso die Träume und Hoffnungen auf den Boden der Wirklichkeit zurückzubringen. Der Schnitt war aber nicht schmerzhaft, weil er den anderen die Augen für das kleine Glück öffnete. Entsprechend sanft ließen die Akteure das Spiel ausklingen.

E Folgetermine: 16. und 21.5. / 2., 3. und 5.6. Karten: u 0561 / 1094-222.
12.05.2005

http://www.hna.de/kultur/00Von_den_grossen_Traeumen_und_Wundern.html

Das geschärfte Messer wartet
Hochmoralische Achterbahnfahrt: “Bungee Jumping” des estnischen Dramatikers Jaan Tätte am Kasseler Staatstheater

VON JOACHIM F. TORNAU

Man sieht die Bühne vor lauter Bäumen nicht. Ein fototapezierter Kubus steht im tif des Kasseler Staatstheaters – kaum mehr als einen Meter entfernt von den Zuschauern. Auf zwei Seiten sitzen sie vor Wänden aus Waldesgrün. “Ich schärfe ein Messer!” klingt es von drinnen. Unheimlich, gehörig seltsam und irgendwie auch sehr komisch. Ein Eindruck, der sich hält. Auch dann oder erst recht, als sich die bewaldeten Rollos heben und den Blick auf das Zuhause des Messer schärfenden Einsiedlers freigeben: eine Badewanne als Bett, ein Kühlschrank als Zimmertür, Rindenmulch als Teppich.

Es ist ein kongeniales Bühnenbild, das Svea Kossack für die Kasseler Inszenierung von Bungee Jumping geschaffen hat. Das Erfolgsstück des estnischen Dramatikers Jaan Tätte, von Andre Sebastian auf die Studiobühne im Fridericianum gebracht, ist skurril, böse und gleichzeitig hochmoralisch. Geld macht nicht glücklich, Liebe lässt sich nicht kaufen und mit dem Reichtum schwindet der Charakter: Selten wurde einem das so schräg untergejubelt.

“Die Geschichte vom goldenen Fisch”, so der Untertitel, ist eine Mischung aus Märchen, Groteske und Krimi. Roland und Laura verlaufen sich im Wald und landen in der Hütte des Verkehrsschildermalers und Eremiten Osvald. Der verfügt über Pappkartons mit vier Milliarden Dollar – das Geschenk eines goldenen Fischleins, wie er sagt. Und das will er einsetzen, um sein persönliches Wunder zu erzwingen: ein Leben in Liebe mit Laura. Eine Milliarde für Roland, damit er auf seine Verlobte verzichtet, drei Milliarden für Laura und ihn – das ist das Angebot. Was folgt, ist eine wilde Achterbahnfahrt (oder auch das Auf und Ab eines Bungee-Sprungs) zwischen Geldgier und Gefühlen, zwischen Skrupellosigkeit und Stürzen ins Bodenlose. Zögern ist nicht vorgesehen, Mordlust schon eher: das geschärfte Messer wartet.

Dass sich bei dieser nicht eben subtilen Kapitalismus-Kritik kein aufdringlich mahnender Zeigefinger erhebt, liegt an dem immer auch Unwirklichen, Schwarzhumorigen des Geschehens. Und an dem irren Tempo. Regisseur Sebastian versucht nicht, die Verwirrung aufzulösen, die Willkür zu rationalisieren – und er tut gut daran. Mit Axel Holst als Osvald hat er eine wunderbare Besetzung für die zwischen Romantik, Besessenheit und tiefer Traurigkeit changierende Hauptfigur gefunden. Ihm zur Seite stehen – kaum weniger überzeugend – Hanna Jürgens als patzig-geldgeile Laura und Markus Frank als ihr smarter Karrieremann Roland. Und dann ist da noch Herwig Lucas als der womöglich seltsamste Deus ex Machina, den die Bühnenwelt in jüngerer Zeit gesehen hat. Wie er Pizza essend und Pistole zückend alle vorherigen Verwicklungen überflüssig macht, soll hier nicht verraten werden. Wer’s wissen will und noch nicht weiß, möge sich die Kasseler Inszenierung anschauen. Was hiermit dringend empfohlen sei.

Staatstheater Kassel, Studiobühne tif: 16., 21. Mai, 2., 3., 5., 11. Juni. Karten-Tel. 0561/1094222, www.staatstheater-kassel.de

http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?cnt=677458


Eine Milliarde Dollar für eine Frau
Premiere: Andre Sebastian inszeniert „Bungee Jumping“ im tif in Kassel

Zwei Männer, eine Frau: Die Konstellation der Inszenierung „Bungee Jumping oder die Geschichte vom goldenen Fisch“ verspricht einiges an möglicher Aufregung. Und die Premiere im Theater im Fridericianum in Kassel hat jetzt gezeigt: Sie hält es auch.
Von Peter Krüger-Lenz

In der Rocky Horror Show sind es Brad und Janet, die im Dunkeln und in der Wildnis an eine einsame Tür klopfen. Die beiden erwartet eine erotische Geschlechterfarce. Das noch jüngere Pärchen Laura und Roland landet in „Bungee Jumping“ in der Hütte von Osvald, einem eigenwilligen und etwas heruntergekommenen ehemaligen Schildermaler.

Osvald sieht deutlich weniger gut aus als Robert Redford, aber sein Angebot übersteigt jenes, das der smarte Schauspieler seiner Filmpartnerin Demi Moore in dem Streifen „Ein unmoralisches Angebot“ macht um ein Vielfaches: Eine Milliarde Dollar soll Roland kriegen, wenn er ihm Laura überlässt. Dabei meint Osvald das nicht einmal unmoralisch. Er ist überzeugt, dass Laura ihm vom Schicksal zugeführt wurde. Vor einem Monat hatte er ein Bild von ihr in einem Magazin gesehen und anschließend auf sie gewartet.

Geschrieben hat der Este Jaan Tätte diese Variation des Märchens vom goldenen Fisch – der soll ihm nämlich den Wunsch nach vier Millionen Dollar erfüllt haben, behauptet Osvald. Und das Staatstheater startet damit eine Reihe von Stücken aus EU-Ländern als Beitrag zu Kassels Bewerbung zur EU-Hauptstadt. Das kommt jetzt nun zu spät, erfreut aber dennoch die Besucher des Theaters, wenn die Reihe so fortgesetzt wird, wie sie angefangen hat.

Dass das Publikum am Ende begeistert applaudierte, hatte wohl eine ganze Reihe von Gründen. Die Stückvorlage glänzt vielleicht nicht unbedingt mit enorm überraschenden Wendungen sondern folgt dem, was man bei einer solchen Konstellation in etwa erwarten kann. Sie spart jedoch nicht mit ausgesprochen vergnüglichen Abschnitten.

Viel Gefühl für Raum

Regisseur Andre Sebastian hat dies mit viel Gefühl für Spannungsbögen und den Raum inszeniert, den ihm Bühnenbildnerin Svea Kossack wunderschön bereitete. Osvald lebt in der Hütte im Wald, die Bäume innen wie außen zeigt und die von beiden Seiten eingesehen werden kann. Zu den Milliarden geht es durch einen Kühlschrank. Eine schöne Idee.

Die Krone setzen der Inszenierung allerdings die Schauspieler auf. Axel Holst spielt den etwas älteren Osvald mit einer guten Mischung aus Frechheit, Intelligenz und Verwirrung, und der junge Markus Frank schafft als Roland einen herrlich beiläufigen und kaum ebenbürtigen Juppie Roland. Hanna Jürgens schließlich mutiert als Laura vielleicht etwas zu schnell von der leicht naiven zur durchtrieben-berechnenden jungen Frau. Sehr unterhaltsam und schön anzuschauen.

Aufführungen der gut 100minütigen Inszenierung im Theater im Fridericianum in Kassel: 21. Mai, 2.,3., 5. und 11. Juni um 20.15 Uhr. Kartentelefon: 0561/1094-222.

Quelle: Göttinger Tageblatt, 17. Mai 2005 (http://premium-peicuocestp7ej.de.premium-link.net/eZeitung/2005051715021html/GT/htmlstories/0516182042_c0a84167_6_p.html

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